Schreibevent - November 2018

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    • Geschichte 16.2

      Eine nahestehende Kriegerin lachte trocken auf. Teo hatte ihren Namen vergessen, doch das hartgesottene Gesicht war ihm geläufig. Sie war bekannt dafür, regelmäßig geführte Ausflüge in den Vulkan zu veranstalten und den Abenteurern den richtigen Umgang mit Grenigas und den Bestien des Vulkans zu zeigen.
      Schlagartig schien sich das Dorf zu leeren. Kein Abenteurer wollte zurückbleiben. Ein Großteil schloss sich der Expedition in den Vulkan an, während ein paar dem Phönix in Richtung Tempel folgten. Die übrigen Eier aus Serizads Bestand hatte ein robust aussehender Kampfmönch eingesteckt mit dem Versprechen, sie zurück in Grenigas Obhut zu überstellen.
      Das ließ die Dorfbewohner plötzlich alleine im Dorf zurück.
      „So schnell also kann man das Dorf leeren. Wenn ich dasfrüher gewusst hätte! Schade nur, dass sie die Eier mitgenommen haben. Hätten sicher ein tolles Omelett ergeben.“ Teomann Bruder, Teodor, kam mit den Händen in den Taschen um die Ecke geschlendert.
      Teomann verdrehte die Augen. „Dass du immer auftauchen musst, wenn die Action vorbei ist.“
      „Es ist eine Gabe, Bruderherz. Der eine hat sie, der andere nicht.“
      Mimi unterbrach das Geplänkel: „Hört auf, euch zu zanken. Eure Muskelkraft ist gefordert!“ Sie klatschte in die Hände. „Es ist noch viel zu tun! Lasst uns Serizads Stand wieder auf Vordermann bringen. Und Calvin hofft, heute Abend zurück zu sein. Sein Stand muss ebenfalls noch aufgebaut werden. Und vielleicht hat jemand Zeit, das Gehege neben Graham aufzubauen. Und kann jemand zu Jack laufen und ihn bitten, die Tanne heute schon zu bringen? Wenn alle zusammen helfen, könnten wir die Abenteurer überraschen, wenn sie müde von ihrer Mission zurückkehren. Los los los! Jeder, der nichts zu tun hat, hilft mit!“ Und schon teilte Mimi die Dorfbewohner und Standbesitzer zur Mitarbeit ein. Im Nu war Serizads Stand - dessen Dach ein großes Brandloch zierte - wieder Instand gesetzt. Soraya holte eine dicke Rolle heißen Stoffes aus ihrem Haus und machte sich umstandslos daran, die Plane zu flicken. „Da kommt kein Vogel so schnell wieder durch,“ murmelte sie, als sie nur wenige Minuten später fertig war. Serizad entschuldigte sich wortgewaltig bei allen, die es hören wollten. „Es tut mir so furchtbar leid. Wenn ich das gewusst hätte. Ich wollte doch nur etwas Besonderes mitbringen. Die sind so schön warm. Dachte, die könnten als Wärmflaschen dienen oder als Taschenwärmer… Oh, wenn ich das nur …“ In einem fort brabbelte sie von den Eiern.
      Ray Ramos und Jerico machten sich derweilen mit Carvens Hilfe daran, ein Gehege für Mimis geplanten Streichelzoo zu errichten. Mimi hatte eine ansehnliche Sammlung seltener Tiere aus der halben Welt eingefangen und schien die Frostwelpen und die Rudis auch zum Verkauf anbieten zu wollen. Wie Teo sie kannte, würde sie die kleinen Racker an die ersten glitzernden Augen verschenken, die beim Anblick der Fellknäuel in Verzückung ausbrechen würden.
      Teo überlegte, ob er dabei helfen sollte, Calvins Stand - der hauptsächlich aus Regalen voller magischer - zum Teil mit Schlössern versehener - Bücher bestehen sollte, aufzubauen. Doch er entschied sich dagegen. Die Bestellung der Ketten stand noch aus. Da er gleich um die Ecke von Eva wohnte, verfolgte ihn der verführerische Duft von Evas Backkünsten bis in seine Werkstatt hinein. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Was sie wohl alles backte? Er hoffte nur, es war genug, damit er auch ein Stück abbekam. Evas Waren fanden zu normalen Zeiten schon reißenden Absatz.
      Während Teo sich in seine Arbeit vertiefte, wurde es endgültig dunkel. Als er endlich fertig war und die zischenden Ketten aus dem Wassertrog holte, setzte draußen Musik ein. Neugierig, die Ketten über die Schulter geschlungen, stapfte er aus der Werkstatt. Wenn Nosville vorher schon festlich ausgesehen hatte, so war das nichts im Vergleich zu jetzt. Die Dorfbewohner hatten unter Mimis Anleitung ganze Arbeit geleistet. Das gesamte Dorf war zu einem fulminanten Weihnachtsmarkt verschmolzen. Überall glitzerte und funkelte es. Echte Weihnachtsfeen flogen durchs Dorf und streuten Lametta und Glitzerstaub auf die Wege. Dicht gedrängt reihten sich die Stände der Dorfbewohner an die hübsch dekorierten Häuser. Weihnachtskugeln hingen von jedem lichterkettenbewehrten Baum im Dorf. Teo bahnte sich seinen Weg zu Calvins Haus im Norden des Dorfes. Sogar Titus hatte einen Stand aufgebaut, an dem er merkwürdige grüne, silberne und goldene Medaillen und bunte Amulette feilbot. Cenils Stand gleich daneben verführte mit fein gearbeitetem Schmuck, während neben dem alten Teleporter des Dorfes ein großes Glücksrad aufgebaut war, an dem die Abenteurer unter den Argusaugen von Teodor drehen durften. Teo kannte seinen Bruder. Viel Gewinn würden die armen Seelen damit nicht machen.
      Calvins Stand, der den nördlichen Abschluss des Marktes bilden sollte, war ebenfalls fertig geworden und in seiner Hütte brannte sogar Licht. Also klopfte Teomann und grinste, als von drinnen das Geräusch fallender Bücher gefolgt von einem gepfefferten Fluch zu hören war. „Wer da?“
      „Mach’ die Tür auf, Calvin, oder deine Ketten werden wieder eingeschmolzen.“
      Die Tür klickte. „Ah, du bist’s. Es tut gut, dich zu sehen! Komm’ rein. Komm’ rein.“
      Teo war kaum zur Tür hinein, als Calvin das Schloss schon wieder zuschnappen ließ. Anstatt ihn reinzubitten, stand Teo nun mit dem Rücken zur Tür im Gang. Merkwürdig, wie Calvin sich verhielt. Teo nahm die Ketten von der Schulter.
      „Ah, danke, da sind sie. Fabelhaft. Jaja … die Ketten … sehr gut. Und die Widerhaken hast du auch nicht vergessen. Famos! Ganz famos! Was bekommst du?“
      „Willst du mich nicht erst einmal reinkommen lassen?“
      Calvin wurde rot. „Ah. Äh… das ist gerade schlecht. Ich habe … äh … ich habe furchtbar viel zu tun. Die Bücher - du weißt.“
      „Calvin? Was auch immer du mitgebracht hast, deinem ältesten Freund wirst du es ja wohl zeigen können. Meinst du nicht?“
      Calvin kratzte sich verlegen am Kopf. „Äh, ja also… Es ist ein wenig gefährlich. Aber wenn du versprichst, es niemandem zu sagen, dann zeige ich es dir!“
      „Du kennst mich. Wer Teodor zum Bruder hat, kann Geheimnisse bewahren wie Cuarry Goldstücke in der Bank.“
      Calvin lachte. „Na gut. Komm’ rein. Du kannst mir dann gleich helfen, die Ketten anzulegen.“
      Nun wurde Teo wirklich neugierig. Calvins Haus glich - wie immer - einem Bücherantiquariat. Vom Boden bis zur Decke stapelten sich Bücher in allen Farben, Formen und Lautstärken. Zwei Bücher schienen sich in einer Ecke zu zanken, was die richtige Strecke zu Kommandant Keru in Ibrahims Geheimpfad anbelangte. Ein dünnes, graues Buch behauptete steif und fest rechts herum, während ein zerschlissenes, dunkelgrünes Buch links herum behauptete. Teo hatte die sprechenden Bücher schon immer witzig gefunden. Wie Calvin den ständigen Lärm bloß aushielt? Direkt am Eingang standen zwei Truhen voller ledergebundener Bücher, die Calvin offenbar am Weihnachtsmarkt verkaufen wollte. Auf einem der Einbände konnte Teo „Der gar treffliche Umgang mit Geisteskräften - mit Übungen für Fortgeschrittene und Profis“ lesen.
      Doch das Highlight des Raumes waren eindeutig die wild umherflatternden Flügel, die an der Deckenlampe entlangschwirrten.
      „Calvin!!!“ Teo war perplex. „Sind das …? Kann das wirklich sein? Wo hast du DIE denn her?“
      „Das sind Hermes-Windschwingen. Das neueste Modell aus der Hauptstadt. Gibt’s noch gar nicht im Handel. Und furchtbar schwer zu kontrollieren. Ich bin mit ihnen hergeflogen. Du hast ja keine Ahnung, welch eine Herausforderung das war!“ Calvin lachte. „Ich sage dir, so eine Reise brauche ich nicht noch einmal. Statt mich direkt nach Nosville zu fliegen, haben die mich doch glatt im Vulkan abgesetzt. Mir ist es dort natürlich viel zu heiß. Und Öl zum Eincremen gegen die Hitze hatte ich keines mit. Wer rechnet denn auch damit? Na, jedenfalls hätten mich die dortigen Gluthunde doch fast als Kauknochen benutzt. Wäre Grenigas nicht zufällig auf der Suche nach irgendwas vorbeigekommen, ich wäre da nie lebend rausgekommen. Zum Glück hat er sie abgelenkt und auf irgendeine Mission geschickt. Eier suchen oder so - zu Weihnachten!“ Calvin lachte. „Bisschen früh dran, der Gute. Na jedenfalls, als Dankeschön habe ich ihm eine Schachtel Zuckerstangen vom Weihnachtsmarkt dagelassen. Er selbst kommt ja ohnehin nie aus dem Vulkan. Aber zu Weihnachten, dachte ich, kann er auch mal was Leckeres haben.“
      Teo wurde hellhörig. „Du Calvin? Kann es sein, dass du unseren Weihnachtsmarkt erwähnt hast?“
    • Geschichte 16.3

      „Könnte ich beiläufig erwähnt haben. Ja. Warum fragst du?“
      „Ich erzähl dir, warum.“ Und während Calvin ein wenig Erdbeer-Glühwein auftischte, schilderte Teo ihm, was inzwischen im Dorf vorgefallen war.
      „Du meinst doch nicht, ich könnte ihn auf die Spur nach seinen Eiern gebracht haben, oder?“
      „Nach allem, was ich weiß, könnte es so sein. Aber keine Sorge, die Eier sind längst auf dem Weg zu ihm. Und ich vermute, die Abenteurer werden ihm bei dieser Gelegenheit gleich eine kleine Abreibung verpassen.“
      „Ach, der Arme. Na, zum Glück sind Götter unsterblich.“ Calvin lachte und prostete Teo zu. Teo stimmte in das Lachen mit ein, während er vorsichtig an dem viel zu süßen Glühwein nippte. Calvin besaß eine Schwäche für Süßes, die Teo bei aller Freundschaft nicht recht teilen konnte. „Also, wie soll ich dir mit den Schwingen da oben helfen?“
      „Ach, das ist nicht weiter schwer. der Trick ist, ihnen die Ketten anzulegen, ohne die Flügel zu verletzen.“ Calvin lockte die Hermes-Windschwingen mit einer glitzernden Karte vom Plafond herunter und gab Teo Instruktionen, die Ketten im richtigen Moment an den Schwingen zu befestigen. Es gab ein ziemliches Gerangel und Federnlassen, aber nach ein paar umgeworfenen Bücherstapel saßen die Schellen fest.
      „Bist du sicher, dass sie die Flügel nicht kaputtmachen?“, fragte Teo besorgt. Die Widerhaken waren ziemlich spitz.
      „Keine Sorge, die Dinger sind magisch. Und ein Vermögen wert! Mit dem Gold kann ich wieder Bücher kaufen. Und Benito hat letztens von einer Wohltätigkeitsaktion gesprochen. Vielleicht bleibt dafür auch etwas übrig.“
      Teo schüttelte den Kopf. Von draußen ertönte ein sanftes Glöckchen. Es war das schon vor langem vereinbarte Zeichen für die Dorfbewohner, sich draußen zusammenzufinden.
      „Du Calvin. Ich glaube, Mimi möchte die Abenteurer heute Abend noch überraschen. Du solltest dich also beeilen mit deinen Vorbereitungen.“
      „Was? Wirklich? Ach du heilige Ancelloan! Und das sagst du mir erst jetzt?“
      „Kann ich dir helfen?“
      „Unbedingt! Nimmst du die Bücher? Aber pass’ auf, dass du bloß keines öffnest. Die sind ein wenig eigensinnig.“
      Teo half ihm mit den Büchern, während Calvin ein großes Tuch nahm und es ohne viel Federlesens über die gefesselten Flügel warf, bevor er diese nach draußen trug.
      Teo hatte recht behalten. Das Dorf war bereit für die Rückkehr der Abenteurer. Die mittlerweile geschmückte und hell erleuchtete Tanne stand auf dem Hauptplatz vor dem Streichelzoo. Wahrscheinlich sehr zum Missfallen von Graham, der es gewohnt war, das ganze Dorf zu überblicken und nun etwas missmutig und fehl am Platz neben dem Baumriesen stand. Laurena stand mit einem bunten Buschi-Chor unter den Wipfeln des Weihnachtsbaumes und sang Weihnachtslieder, während Margaret eine fulminante Weihnachtstorte gebacken hatte, von der das gesamte Dorf mitsamt allen Abenteurern verklebte Mägen bekommen würde. Noch war das Dorf leer, sodass Teo Eva über den halben Platz erkennen konnte. Sie selbst stand hinter einem überdimensionierten Stand voller Weihnachtsplätzen. Wie in Trance schlurfte Teo näher. Er las ganz verrückte Namen, die er noch nie gehört hatte.
      „Nürnberger Lebkuchen, Husarenkrapferl, Linzeraugen. Merkwürdig. Wo kommen die denn her?“
      „Die Rezepte hab’ ich auf meinen Reisen zusammengetragen, antwortete Eva stolz. „Du musst unbedingt die da mal probieren.“ Sie hielt ihm ein unscheinbares gelbes Häufchen hin.
      „Mhhhhh. Was ist das?“
      „Anisbusserl.“
      „Sehr lecker deine Bäckerei, Eva. Kein Wunder, dass du die letzten Tage unansprechbar warst.“
      „Für dich hätte ich eine Ausnahme gemacht, Teomann Topp.“ Eva lächelte und wurde rot.
      Ob Teo sie gerade richtig verstanden hatte? Er wurde selbst rot und wandte sich ab.
      Nach und nach kehrten die Abenteurer nach Nosville zurück. Sie alle wirkten erschöpft aber glücklich, doch die Müdigkeit schien mit einem Mal aus ihren Augen zu verschwinden, als sie die Verwandlung des Dorfes sahen.
      Da war das Staunen groß, als die Helden durch das weihnachtliche Dorf stromerten und allerlei Spezialitäten aus aller Welt kosteten. Eva hatte sich wirklich selbst übertroffen und Teo grübelte Stunden später immer noch über ihren beiläufigen Satz nach. Wahrscheinlich hatte er mehr hineininterpretiert, als da war. Laurena und die Buschis sangen derweilen ein amüsante Imitation von „Last Christmas“ und Mimi hatte - wie Teo nicht anders erwartet hatte - ihre kleinen Frostwelpen bereits allesamt an die Abenteurer verschenkt.
      Die Stimmung war schon bald ausgelassen und glücklich. Stolze Krieger erzählten mit fortschreitender Nacht immer lauter und wortgewaltiger vom jüngsten Abenteuer im Vulkan, während eine Seherin gegen Mitternacht traumtrunken vom entrückten Schicksal des Phönix in den Weiten des Fernontempels berichtete. Man hatte den Vogel leider nicht gefunden, doch die Abenteurer waren guter Dinge, dass sie das kommende Chaos mit Sicherheit meistern würden. Und das Chaos würde sie sicher früher als später finden. Auch da waren sie sich sicher.
      Einzig, die Rudis, die Mimi gerettet hatte, waren nicht rechtzeitig eingetroffen. Mimi schien zwischenzeitlich untröstlich. Doch die funkelnden Augen der Dorfbewohner, der leckere Obstpunsch und der omnipräsente Zuckerschock von Amelias, Evas, Margarets und Samiras Köstlichkeiten ließen auch sie ihre Sorgen für den Abend vergessen.
      Zu später Stunde, als die Abenteurer ihr Gold effizient in Teodors Glücksrad versenkt hatten und Soraya langsam aber sicher keine Weihnachtskostüme mehr zu verkaufen hatte, enthüllte Calvin unter viel Aufhebens seine Schwingen. Ob sie jemand erstanden hat? Teo wusste es am nächsten Tag nicht mehr zu sagen, denn er selbst hatte nach einigen Bechern Kaktusfeigenpunsch Eva zu einem Tanz eingeladen. Danach war ihm der Rest der Welt egal gewesen.
      Der nächste Morgen versprach jedoch für alle Bewohner des Dorfes recht besinnlich zu werden. Um zu allem Überfluss hatte es über Nacht tatsächlich noch geschneit…